15. – 20. Juni Vollversammlung ASF-International in Kathmandu

Juli 20, 2015 in Littfassäule von schinkel

Liebe Mitglieder,

die Mitgliederversammlung hat dieses Jahr in Nepals Hauptstadt Kathmandu stattgefunden. Trotz zahlreicher Zerstörungen und langfristig notwendiger Aufbauhilfe ist das Ereignis schon nicht mehr in der Tagespresse. Unsere drei Vereinsmitglieder Anke, Frank und Wolfgang konnten sich nicht nur vor Ort eine eigenes Bild von den großen Problemen machen, vor denen das Land jetzt steht, sondern konnten zahlreiche Projekte in Augenschein nehmen. Dank des geübten Blicks unseres Statikers Wolfgang  konnte in einigen Fällen Entwarnung gegeben werden. In einem Fall mußte er aber ein Betreten Verboten aussprechen. Die Ergebnisse von Wolfgangs statischen Überprüfungen werden den verantwortlichen Projektträgern zur Verfügung gestellt. In welcher Weise darüber hinaus eine weitere Zusammenarbeit notwendig und sinnvoll sein wird oder stattfinden wird, wird in Abstimmung mit den Projektträgern entschieden werden. Hier ist der Bericht von Frank, der unsern Verein bei der GA diesmal offiziell vertreten hat:

 

Internationales Treffen von ASF in Kathmandu, Nepal

Vom 15. – 20. Juni fand das diesjährige internationale Treffen von ASF International in Nepal statt. Es ist das erste Mal, dass ein Treffen außerhalb Europas stattgefunden hat. Durch die Situation nach den Erdbeben trat das eigentliche Thema „Challenging practice“ zunächst in den Hintergrund. Allerdings stellte sich schnell heraus, dass hier „Challenging practice live“ geboten wurde, denn im Anbetracht der Zerstörung zeigte sich schnell eine Diskrepanz zwischen dem akademischen Willen zu Helfen und einer akuten Hilflosigkeit angesichts der überall präsenten Zerstörung.
Trotz der unsicheren Situation durch das Erdbeben haben 23 Teilnehmer aus 14 Ländern den Weg nach Kathmandu gefunden. Architekten über Grenzen e. V. war durch die drei Mitglieder Anke Reichert, Wolfgang Miethke und Frank Bertram vertreten.
ASF Nepal hat trotz der immensen Anspannung mit den Folgen der Beben ein hervorragendes und inhaltlich sehr interessantes Treffen organisiert. Alle Teilnehmer wohnten gemeinsam in einem restaurierten Hotel in der Altstadt von Patan. Dort fanden auch einige Workshops statt; weitere Veranstaltungsorte waren die Architekturfakultät und Hotels.
Neben den Vereinsaktivitäten gab es im Vorfeld verschiedenen Anfragen zur Bewertung von beschädigten Gebäuden. Für die NGO „Nepalmed e.V.“ aus Dresden haben wir während und nach dem ASF-Treffen noch zwei Krankenhäuser untersucht. Für den Verein „Happy Children e.V.“ haben wir eine Bestandsaufnahme in einem Waisenhaus gemacht. Über ein Mitglied unseres Vereins kam dann noch während unserer Tagung eine Anfrage, in einem weiteren Kinderhaus Schäden zu begutachten, was auch erledigt wurde. Zum Glück hatten wir mit unserem Vereinsmitglied Wolfgang Miethke einen Tragwerksplaner dabei, so dass die Untersuchungen deutlich tiefgehender durchgeführt werden konnten als nur durch das Architektenauge.

Pagodenspitze-1 Trümmerfeld-1 TrümmerhaufenStraße-1

Tag 1 (Sonntag, 14.06.):

Am ersten Tag haben wir uns auf die Suche nach dem Model-Hospital des Vereins Nepalmed e.V. gemacht. Im tosenden Verkehr haben wir es schließlich gefunden. Nach einigem Hin und Her fanden wir auch unsere Ansprechperson, die mit der Lage aber überfordert war und uns schließlich dem Krankenhausdirektor übergab. Dieser führte uns durch das Krankenhaus und zeigte uns die Schäden. Da es sich um eine Stahlbeton-Skelettkonstruktion handelt, waren die Schäden überschaubar. Leider liegt uns wenig Planmaterial vor, so dass die abschließende Beurteilung noch aussteht.

Tag 2 (Montag, 15.06.):
Unser gemeinsames Programm beginnt mit einer Tour in die Umgebung Kathmandus. Im ländlichen Bereich sind die Zerstörungen viel stärker wahrnehmbar als in der Stadt. Ganze Straßenzüge sind nur noch Schutthalden und die Bewohner sichtlich traumatisiert. Trotzdem wird wegen des nahenden Monsuns mit dem Wiederaufbau begonnen, allerdings ohne professionellen Beistand. Die Wohnhäuser sind überwiegend aus Lehmziegeln mit einem Lehmmörtel hergestellt, so dass das Material wiederverwendet werden kann. Die Bauweise ist allerdings in keiner Weise erdbebensicher. Die Decken bestehen aus Holzbalken mit Lehmeinschub, es gibt keine Ringbalken. Dazu kommt, dass die Gebäude teilweise mehrstöckig gebaut werden.
Am Abend wurde uns im Hotel eine Vorführung von verschiedenen nepalesischen Tanz- und Musikrichtungen geboten.

Tag 3 (Dienstag, 16.06.):
Heute haben wir unser Tagungsprogramm ausfallen lassen und stattdessen das Waisenhaus des deutschen Vereins „Happy children e.V.“ am Rande von Kathmandu besucht. Es ist eine sehr schöne Anlage für ca. 80 Straßenkinder. Die Schäden an den Hauptgebäuden halten sich hier in Grenzen, das Garagengebäude hat aufgrund schlechter Bautechnik mehr abgekommen, ebenso die massive Grundstücksmauer. Auch in diesem Fall zeigt sich, dass trotz des Wissens um die Erdbeben die Standards nicht eingehalten werden, ja selbst ohne Erdbebengefahr bestehen baukonstruktive Mängel. Der örtliche Architekt hat uns mit hervorragendem Planmaterial versorgt, so dass der „Prüfstatiker“ hier seine Vorschläge machen kann.
Am Abend haben wir uns noch mit einer finnischen Hilfsorganisation getroffen, die als Nothilfe innerhalb von 200 Tagen 90 Behelfsschulen aus Bambus baut. Ein sehr interessanter Einblick in die logistischen Probleme, aber auch in das Engagement, das hier gezeigt wird.

Tag 4 (Mittwoch 17.06):
In der Architekturfakultät der Universität von Kathmandu fand unter dem Eindruck der Erdbeben ein Symposium zum Thema statt. Es wurde die Rolle von erdbebensicherem Bauen in der Ausbildung, der Gesetzgebung und der praktischen Umsetzung durch ein breites Spektrum an Rednern erläutert. Klar wurde, dass die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis das größte zu überwindende Hindernis für Nepal bedeutet. Die Umsetzung der vorhandenen staatlichen Normen wird in der Praxis nur unzureichend überwacht und ist schlicht zu teuer, um jedes Haus in diesem armen Land normgerecht zu erstellen.
Am Abend organisierten Mitglieder aus Finnland und Schweden noch einige Vorträge zu günstigem und sicherem Bauen mit Bambus in unserem Hotel.

Tag 5 (Donnerstag, 18.06.):
Gemeinsam haben wir weitere stark beschädigte Orte im Kathmandu Valley angesehen und gemeinsam mit einem von unserem indischen Kollegen angefertigten Aufnahmebogen versucht, ein Schadenskataster zu erstellen. Hier ging es auch darum, mögliche Fachkenntnisse vor Ort zu erfassen, um die Selbsthilfe zu professionalisieren. Es hat sich aber auch wieder gezeigt, dass die Verwaltung des Landes völlig hilflos ist und über eine Geldspende von ca. €1.500 pro Haus zu keiner weiteren Hilfe fähig ist.
Weiter ging es zu den erstaunlichen Bauwerken der buddhistischen und hinduistischen (und deren Mischformen) in Kathmandu, das mit seinen unzähligen Tempeln große Aufgaben vor sich hat, dieses Weltkulturerbe zu erhalten und wieder instand zu setzen. Hier ist internationale Hilfe notwendig.
Erstmalig hat ASF International einen internen Wettbewerb („ASF AWARD“) ausgelobt, der mit einer Ausstellung und der Preisverleihung zu Ende ging. Die Ausstellung gab einen guten Einblick in die Arbeit der Partnerorganisationen und die Vielfalt der Projekte in aller Welt.

Tag 6 (Freitag, 19.06.):
Während Anke und Wolfgang sich um ein weiteres Waisenhaus kümmerten, fand für Frank die internationale Vollversammlung im wohl schicksten Hotel Kathmandus statt. Vorstandswahlen und Programmabstimmung beherrschten das Programm.
Der Vorstand hat das Treffen sehr gut vorbereitet. Die Ergebnisse der inhaltlichen Arbeitsgruppen zum Thema der internationalen Zusammenarbeit der einzelnen Partner geben viele Ansatzpunkte für unsere nationale Arbeit, da viele Vereine hinsichtlich der Nutzung von sozialen Medien und somit im schnellen und breiten Informationsaustausch deutlich weiter sind als wir.
Das Protokoll ist hier zu finden: GAminutes150619

Tag 7 (Samstag, 20.06.):
Während sich einige Mitglieder noch einmal durch Kathmandu kämpften, haben wir versucht, die Ergebnisse unserer Schadensaufnahmen zu sortieren und zu strukturieren. Wolfgang hat sich auf seine Reise in die Berge vorbereitet, wo er im Anschluss an unsere Tagung ein weiteres, deutlich mehr zerstörtes, Krankenhaus von Nepalmed untersucht hat.
Insgesamt war die Tagung wieder einmal eine gute Gelegenheit für den internationalen Austausch und ein herzliches Treffen der Kollegen aus so vielen Ländern. ASF Nepal hat trotz der Katastrophe ein hervorragendes Treffen auf die Beine gestellt.
Das Treffen im kommenden Jahr findet voraussichtlich im April 2016 in Tunis statt, diesmal wieder gemeinsam mit ARC PEACE.
Für 2017 zum 10-jährigen Jubiläum von ASF International werden voraussichtlich Architekten über Grenzen und ASF Congo der gemeinsame Ausrichter sein.

Frank Bertram, Juli 2015