Gebäudesicherheit:
Haus der Begegnung, Kinder- und Jugendzentrum in Tanguá

Ort:
Tanguá, Brasilien, Nähe Rio de Janeiro

Projektträger:
AIDA- Deuschland/München, AIDA- Brasileira/Tanguá

Projektpartner:
Fachhochschule Konstanz, Deutschland (bis 1999)

Schadensanalyse:
Thomas Schinkel

Zeitraum:
2001, Aufenthalt im März und im Juli

Der Trägerverein AIDA war durch eine private Schenkung in den Besitz eines Grundstückes am Rande einer ländlichen Favela nahe der Siedlung Tanguá gelangt. Auf dem Gelände sollte ein Zentrums für Kinder und Jugendliche, die vorwiegend auf der Straße leben oder aus schwierigen Familien stammen, errichtet werden. Bereits 1999 hatte der Verein mit der Fachhochschule Konstanz ein erstes Gebäude für sein Kinder- und Jugendzentrum geplant und mit der Bauausführung begonnen. Die Zusammenarbeit wurde aber bereits 2000 noch vor Abschluss der Baumaßnahmen wegen nicht überbrückbarer Differenzen abgebrochen.

Das Ergebnis dieser vorzeitig abgebrochenen Zusammenarbeit konnte im Feb./März 2001 bei einem Ortstermin in Augenschein genommen werden. Besonders auffällig waren Material und Konstruktionsweise des Gebäudes. Es war das einzige Holzhaus in einer Gegend, in der es keine Holzvorkommen mehr gibt und in der ausschließlich mit lokal gebrannten Leichtziegeln gebaut wird. Holz wird lokal nur für einfache Dachkonstruktionen geringer Spannweite verwendet. Die Querschnitte sind entsprechend gering und nicht ausreichend für ein derartiges Gebäude. Das Bauholz wurde daher ca. 3000 km entfernt im Amazonasgebiet geschlagen, herangeschafft und ohne vorherige Trocknung als ”grünes Holz“ verbaut. Dies hat innerhalb eines Jahres zu starken Verformungen des gesamten Tragwerks geführt.

Aussteifung1 Fusspunkt BlattverbindungUmgekehrt Evaluierung Tangua_Detail

 

 

 

 

Bei dem Tragwerk handelt es sich um eine Holzständerbauweise, wie sie im deutschen Ingenieurholzbau üblich ist und an Universitäten für den Gebrauch im eigenen Land gelehrt werden. Vor Ort ist diese Bauweise unbekannt. Es konnten daher auch nicht die notwendigen verzinkten Stahlverbinder beschafft und verwendet werden. Alle Anschlussbleche und Verbindungsbolzen waren völlig unterdimensioniert und ungeeignet.

An der Planung war offensichtlich kein Tragwerksplaner beteiligt worden. Balkenstösse von Durchlaufträgern (Gerberträger) wurden in Feldmitte (größte Biegespannung) anstatt in den Drittelspunkten (keine Biegespannung) ausgeführt. Dachsparren in den Gebäudeecken wurden einseitig an den Gratsparren angehängt und werden nur von der Dachlattung gehalten. In den Ausführungsplänen war keine Windaussteifung vorgesehen. Ebenso wenig in einem Model, das vor Ort zurückgelassen worden war. Das Gebäude verfügte entsprechend über keine ausreichenden Windaussteifung. Lediglich in die mittleren Felder im unteren Geschoß war Windverbände eingebaut worden, nachdem nach Auskunft des Leiters der Einrichtung während der Errichtung des Tragwerkes „plötzlich ein starker Wind die ganze Konstruktion beängstigend in Bewegung versetzt“ hatte, entschied man sich doch wenigstens die mittleren Felder im unteren Geschoß auszusteifen. Eine wirksame Windaussteifung wird an den Gebäudeecken angeordnet und geht dann notwendigerweise über alle Geschosse.

Die grob fahrlässige Ausführung des Tragwerkes war nicht das einzige Problem. Die Dachneigung war zu flach gewählt, so dass immer wieder Regenwasser durch die Ziegeldeckung in die Dachkonstruktion gelangte. Die technische Gebäudeausstattung war gleichermaßen unzureichend. Innenliegende nicht belüftete Bäder mit bodengleichen Duschen auf Gefälleestrich ohne Abdichtung über einer Holzbalkendecke führte nach kürzester Zeit zu umfangreichen Durchfeuchtungen der Deckenkonstruktion.

Das Gebäude sollte ursprünglich als erster Prototyp von insgesamt 10 geplanten Kinderhäusern der Unterbringung von 10 Kindern und einem Betreuerpaar dienen. Der für die Beaufsichtigung der Kinder notwendige räumliche Abschluss war auf Grund der völlig ungeeigneten Erschließung der Schlafräume im Obergeschoss über die umlaufende offene Veranda nicht gegeben. Das Gebäude musste daher als „Haus der Begegnung“ mit einer anderen als der ursprünglich geplanten Nutzung versehen werden.

Die Schilderung des damaligen Leiters des Kinderzentrums vom Bauablauf klang eher wie eine Abenteuerausflug für elfenbeinturmmüder Hochschulgänger. Eine Vorhut von 3 oder 4 Studenten erreichte etwa 3 Wochen vor Baubeginn das Geände um alles Notwendige vorzubereiten. Als dann der eigentliche Bautrupp aus zwei Hochschulprofessoren mit ihren beiden Ehefrauen und einer Gruppe von etwa 10 Studenten eintraf, war das Bauholz noch nicht vor Ort. Es kam dann mit einer Woche Verspätung. Das Pech dabei war, dass nur 3 Wochen für die Errichtung eingeplant und die Rückflüge schon gebucht waren. Man hatte wohl noch andere Verpflichtungen. Die Baustelle wurde ziemlich überstürzt verlassen und dem Leiter des Kinderzentrums überließ man einen Skelettbau mit Wortsinn. Es half ihm auch wenig, dass ein besorgter Student ihm zum Abschied noch ein sehr gutes Lehrbuch für Barfußachitekten in die Hand drückte (Manual Do Architecto Descalço, Johan van Lengen).

Nach meiner Ankunft vor Ort wurden als absolute Notmaßnahme zur Sicherung des Gebäudes und seiner Nutzer unverzüglich alle Aussenfassaden mit wirksamen Windaussteifungen versehen.